Salesianer Don Boscos in Südafrika
– auf breiter Front gegen Armut
Mit Beginn der Demokratie in Südafrika 1994, als Nelson Mandela der erste von allen Südafrikanern gewählte Präsident wurde, träumte die ganze Nation von Freiheit und neuem Wohlstand. Seitdem hat Südafrika viel erreicht. Der prophezeite Zusammenbruch des Landes blieb aus, stattdessen gab es wirtschaftliches Wachstum. Eine neue schwarze Mittelschicht etablierte sich. Dennoch lebt die Hälfte der 49 Millionen Südafrikaner unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenzahl wird auf über 34 Prozent geschätzt. Tatsächlich dürfte sie in einigen Townships sogar bei 80 Prozent oder höher liegen. Mindestens jeder zehnte Südafrikaner ist HIV-positiv. Rund 12 Prozent der Bevölkerung tragen den Erreger in sich.
„Straßenkinder sind ein Symptom für Armut.“
Viel zu tun also für einen katholischen Orden, der sich prinzipiell der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in schwierigen Situationen verschrieben hat. Es gibt reichlich davon in Südafrika. Wie zum Beispiel Straßenkinder. Touristen in Kapstadt stolpern unweigerlich über einige von ihnen, wenn sie in der bekannten Long Street shoppen gehen.
„Straßenkinder sind ein Symptom für Armut“, erklärt Pat Naughton, früherer Leiter des Salesian Institutes in Kapstadt. „Wenn Sie Kinder sehen, die ihr Zuhause verlassen haben, um auf der Straße zu leben, dann können Sie davon ausgehen, dass es noch viel mehr Armut und Elend gibt, die Sie nicht sehen können. Wie bei einem Eisberg.“
Deswegen wird im Salesian Institute, das in seiner 100jährigen Geschichte bereits Waisenhaus und technische Schule war, mittlerweile auf breiter Front gegen Kinderarmut angekämpft. Das ehrwürdige Gebäude beherbergt die einzige registrierte Schule für Straßenkinder in Südafrika. Täglich besuchen hier 40 bis 90 Kinder und Jugendliche den Unterricht. Die Zahlen schwanken so enorm, weil die Schülerinnen und Schüler kommen, wann sie möchten.
„Jeder kann es schaffen, sich zu ändern.“
„Diese Kinder zu unterrichten ist ungeheuer schwer“, sagt Father Pat: „Sie können die Konzentration kaum länger als eine Viertelstunde aufrecht erhalten.“ Die Klassen bestehen höchstens aus zehn Schülern. Das Niveau ist kaum mit anderen Schulen zu vergleichen. „Trotzdem kann es hier jeder schaffen, sich zu ändern“, so Naughton.
Der Schulbesuch ist jedoch nur die Vorstufe zu Größerem. Seit 1998 haben 135 Jugendliche das Hostel-Programm durchlaufen, ein 18 Monate langes Intensivtraining, das auf die Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet. „Rund 90 haben es seitdem geschafft, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen und einen Platz zum Wohnen zu haben“, freut sich Nelly Burrows, Mitarbeiterin im Institute.
Das große Haus im Zentrum der Stadt, nur einen Steinwurf vom Green Point Stadion entfernt, wo 2010 die WM-Halbfinals stattfinden werden, beherbergt jedoch noch andere Programme. Das YES-Programm (Youth Employment Skills) vermittelt für die moderne Berufswelt wertvolle Fähigkeiten und auch Jobs an die Absolventen. Diese legen oft stundenlange Fußmärsche zurück, um am Unterricht teilnehmen zu können. Junge Menschen von 18 bis 30 erhalten hier Starthilfe ins Berufsleben. Burrows ist zufrieden mit dem Programm: „2008 konnten wir alle Absolventen in einen Job vermitteln.“ Derzeit wird daran gearbeitet, die weitere Entwicklung der Absolventen zu beobachten, um den Langzeiterfolg messen zu können.
Beschäftigung heißt Sicherheit
Denn darum geht es: Gute Beschäftigungsaussichten bedeuten Sicherheit für junge Familien. Und geht es den Familien wirtschaftlich gut, leiden auch die Kinder nicht unter frustrierten Eltern, die sich in Alkohol und Drogen flüchten und häusliche Gewalt ausüben. „Dann haben die Kinder auch keinen Grund, auf die Straße zu gehen“, schließt Naughton den Kreis.
So einfach, wie es klingt, ist es jedoch nicht. Das qualitativ so erfolgreiche YES-Programm steht jedes Jahr gerade mal 250 jungen Leuten offen. Und das auch nur in Kapstadt. Deswegen entsteht in Ennerdale, einem Township bei Johannesburg, das Don Bosco Educational Project. Auch hier setzt der Orden, wie überall in der Welt, auf Bildung. Im Einzugsbereich informeller Siedlungen aus Bretterbuden mit Wellblechdächern ohne Elektrizität und Wasserversorgung soll das Zentrum nach seiner Fertigstellung Primarschulbildung und Berufsausbildung ermöglichen. Die Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche, denen Bildung sonst verwehrt bleiben würde. Jugend Eine Welt ist neben anderer Unterstützung der salesianischen Einrichtungen in Südafrika auch an der Realisierung dieses Projektes mitbeteiligt.
Botschafter für soziale Verantwortung
Bildung ist auch der Schlüssel zu einem für südafrikanische Jugendliche äußerst wichtigem Thema: HIV/ AIDS. Die Hälfte aller Neuinfektionen betrifft Jugendliche unter 20 Jahren.
Seit 2005 betreiben die südafrikanischen Salesianer Life Choices. Fast 80.000 Jugendliche hat das Team um Projektleiterin Sofia Neves bereits erreicht. Das Programm setzt auf Peer Education – Mitglieder einer bestimmten Gruppe werden zu Botschaftern einer Idee. 34 junge Sozialarbeiter gehen wöchentlich in die Highschools in den unterprivilegierten Townships von Kapstadt.
Sofia Neves erklärt den Ansatz so: „Wir machen Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftliche Werte zum Thema eines ganzen Jahrgangs. Das beugt Hänseleien durch einige wenige Wortführer vor und nimmt den sozialen Druck von denen, die sich anders verhalten möchten.“ Außerdem strahlt Life Choices auch noch in die Familien und das übrige soziale Umfeld aus.
In genau ausgearbeiteten und erprobten Unterrichtseinheiten sensibilisieren sie Jugendliche zwischen zehn und achtzehn Jahren für das Thema HIV/ AIDS. Dem Zuhörer wird schnell klar: HIV ist kein isoliertes Gesundheitsproblem, sondern ein soziales. In den Einheiten geht es um Verantwortung, um Zukunftsvisionen, um faires Verhalten und um ganz einfache Strategien, sein Leben zu bewältigen. Life Skills heißt das auf Englisch. Begleitend werden in einem Klinik-Truck regelmäßig HIV-Tests angeboten – nur jeder neunte HIV-Positive kennt seinen Status. Zusätzlich wird Beratung für Opfer von Missbrauch und Vergewaltigungen angeboten.
„Die neue Demokratie in Südafrika ist großartig“, sagt Nelly Burrows über ihr Land. Aber noch bleiben viele Probleme ungelöst. „Doch wir werden weiter hart daran arbeiten, um Südafrika zu einem besseren Ort für alle zu machen.“

















